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Die Jugendhilfe arbeitet nicht bedarfsorientiert, sondern kostenorientiert.
Seminarveranstaltung Jugendhilfe im Spannungsfeld zwischen Bedarf und Kosten
Zu dieser provokanten These hatten am Dienstag, 16. Juni 2009 von 14.00 - 17.00 Uhr Vertreter verschiedener Fachdisziplinen aus Schule, Jugendhilfe, Medizin, Justiz und Presse ein Statement an der FH Koblenz abgegeben.
Das Sondierungsgespräch fand auf Initiative des Vereins Jede Woche 3 e.V. in Kooperation mit dem Fachbereich Sozialwesen statt. Ziel war die Thematisierung und öffentliche Bewusstmachung des Zusammenhangs von Kinder- und Jugendhilfe, kommunaler Haushaltslage und dem Ausmaß häuslicher Gewalt gegen Kinder.
In der Folge finden Sie eine Kurzzusammenfassung:
Die Begrüßung erfolgte durch den Dekan des Fachbereichs Prof. Dr. Günter J. Friesenhahn. Siehe Bild links am Redepult. Als Moderatoren fungierten Prof. Dr. A. Schneider (FH-Koblenz) und
Prof. Dr. C. Strünck (UNI Siegen),am Tisch sitzend.
Einige kurze Erläuterungen zur Eingangsthese "Die Jugendhilfe arbeitet nicht bedarfsorientiert, sondern kostenorientiert." gab die Leiterin des Vereins Jede Woche 3 e.V., Vertretungsprofessorin Dr. K. Beckmann anhand einiger Folien und einer kurzen Falldarstellung. Sie legte besonderen Wert auf die Darstellung von Jugendhilfe als Konstrukt, ihre Aufgaben, ihre Strategien und Spannungsfelder. Dabei verwies sie u.a. darauf, dass rund 61% der Kosten bei den Kommunen verankert sind, was zu besonderen Problemen führt. Insbesondere konstatierte sie den Stellenabbau speziell bei der Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit. Zur Verdeutlichung informierte sie kurz zur Agency Theory (Principal/Agent Theory) und dem bei der Jugendarbeit fehlenden Kontrollsystem.
Danach folgten Kurzstatements von den Podiumsteilnehmern, die hier – teilweise verkürzt – skizziert werden:
Dr.W.Hetger, LG Koblenz (Richter):
Dr. Hetger verwies auf seine eigenen Versuche die Jugendhilfe zu stabilisieren. Dabei musste er die Erfahrung machen, dass es für die ehrenamtliche Arbeit so gut wie keine Zuschüsse gab. Zusätzlich musste er feststellen, dass es eine Tendenz zur Psychiatrisierung und Erweiterung von Jugendstrafanstalten gibt, für die dann seltsamerweise das Geld da ist, das zur Prävention vorher gebraucht worden wäre. So koste ein fester Platz bis zu 6.000,00 €, ein Vielfaches von den Ausgaben für vorbeugende Maßnahmen der Jugendhilfe.
Frau Prof. Dr. Seeliger (Dt. Juristinnenbund, Richterin am AG Siegburg):
Sie gab andere Beispiele wie Jugendhilfe ins falsche Gleis geraten konnte. Am Beispiel der Psychiatrie zeigte sie, dass auffällige Kinder z.T. -auch längere Zeit- in die Psychiatrie eingewiesen wurden, ohne dass die Jugendgerichte davon informiert worden waren. Dort glaubte man, wenn die Einweisung "freiwillig" erfolge, sei das nicht nötig. Dabei gehe es eigentlich zunächst einmal nur um eine innerhalb von zwei Wochen erreichbare qualifizierte Diagnose. Ein Angelpunkt vielleicht die Tatsache, dass die Kinder in der Psychiatrie für die Kommunen nichts kosten.
H. Sprenger
(Leiter der Mordkommission Duisburg):
Herr Sprenger betrachtete die Problematik natürlich aus der Sicht des Kriminalisten. Dafür referierte er (selbstverständlich anonymisiert) über einige Fälle von Kindesmissbrauch, einige mit tödlichen Folgen. Er bemängelte dabei insbesondere die Unfähigkeit der Behörden, angemessen zu handeln. Die Verantwortung dafür trage aber in großem Maße die Politik.
Dr. S. Banaschak (Uniklinik Köln- Rechtsmedizin):
Auch ihr ging es vor allem um Fälle von (möglicher) Kindesmisshandlung. Hier gibt es häufig Probleme, dass Ärzte nicht genügend auf die Problematik vorbereitet seien. Sie forderte daher mehr Qualifizierung.
Frau Prof. Dr. D.Braun (FH-Koblenz):
Ihre Ausrichtung ist die Pädagogik der frühen Kindheit. Daher griff sie Missstände in Kindertagesstätten auf. So monierte sie, dass die Erzieherinnen oft sehr unkundig sind. Das führte sie insbesondere auf eine fehlende Ausbildung auch für den Problembereich "Kindesmisshandlung" zurück.
Ein weiteres Problem sah sie in der Tatsache, dass Eltern, auf die Probleme angesprochen, oft abwehrend reagierten und teilweise die Kinder aus der Institution entfernten.
J. Volkmer (Jugendamt Mönchengladbach):
Er betonte, dass es in den letzten Jahren schon Fortschritte gegeben habe. Wenn man aber genauer hinschaut, sind die Kosten pro Fall gefallen. Das kann aber nur bedeuten, dass der Einzelaufwand wohl geringer wurde. Bei einer Vorgabe von 4 Stunden pro Woche und Familie kann man natürlich keine Wunder erwarten.
Dipl.-Psych. Julia Freifrau von und zu Weiler (Geschäftsführerin Innocence in Danger):
Die Psychologin monierte in vielen Fällen die Tatsache, dass die oft vielen mit einem Fall befassten Behörden und Träger nicht ausreichend kommunzierten. Zusätzlich fehle, wie sie feststellte, häufig eine qualifizierte Diagnostik und eine ständige Fort- und Weiterbildung.
K. Wörsdörfer (Sozialarbeiter - Berlin):
Er begann mit der Feststellung, dass in seinem Bereich mal gerade 3% der betroffenen bzw. bedürftigen Kinder durch die Jugendhilfe gefördert würden. Das liegt natürlich auch daran, dass ein Viertel des Etats gekürzt wurde. Das kann aus seiner Sicht nur dadurch geändert werden, dass mehr Druck auf die Politik ausgeübt wird. Auch die kommunikationsfeindliche Aufteilung der Verantwortung in der Jugendarbeit beurteilte er als kontraproduktiv.
Siehe dazu einen interessanten Bericht aus "Zeit Online"
F. Berth (Süddeutsche Zeitung):
Der Journalist stellte fest, dass in der Presse oft nur sporadisch über die Problematik berichtet wird. Wenn aber, dann könnte und sollte allerdings etwas offensiver mit Verweis auf die Verantwortung der Politik operiert werden. Dabei verwies er besonders auch auf die Verantwortung des Familienausschusses im Bundestag.
Siehe auch einen Beitrag von F.Berth im Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe
W.Nodes (Forum Sozial - DBSH)
Der von den meisten Rednern angesprochene Kostendruck ist seiner Meinung nach sicher existent, muss aber differenziert betrachtet werden. Das hängt eben stark von der Finanzkraft der einzelnen Kommunen ab. So ist prinzipiell oft eine Rücknahme präventiver Projekte zu beobachten. Mangel an qualifizierten Hilfen zur rechten Zeit aber schafft nur neue und tiefere Probleme, wird auf Dauer noch teurer. Auch die teilweise Abschiebung von Einzelbereichen ins Ehrenamt ist nicht nur positiv zu sehen. Die Einführung der Schuldenbremse für Länder und Kommunen wird ein übriges dazu beitragen, dass die Probleme zunehmen.
– kurze Pause –
Von 16:10 Uhr bis um 17:15 Uhr wurde z.T. sehr kontrovers und lebendig diskutiert, woran sich auch das Publikum wie auch einige Studierende beteiligten. Einen konstruktiven Abschluss fand die Veranstaltung in der Verabschiedung der "Koblenzer Resolution für einen bedarfsorientierten Kinderschutz", in der die Politik aufgefordert wird, eine stabile Finanzierung der Jugendhilfe zu gewährleisten.
Diese Resolution wird am Ende des Monats im Kontext der Konferenz "Schutz vor sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche mit Fokus auf neue Medien: Perspektiven für Europa" ihren Weg in die Politik finden.