Fallbeispiel "Tom"

Tom lebt auf der Straße und geht auf den BabystrichTom ist Teenager und geht auf den Baby-Strich. Hier findet er offenbar die „Liebe und Zuneigung“, die er zuhause nie bekommen hat.

Als er sieben Jahre alt war, hat ein Nachbar ihn beim Skatspiel „gewonnen“. Toms Vater hatte ihn als Gewinn eingesetzt. Nach dem mehrfachen Missbrauch konnte seine Mutter ihn nicht mehr anschauen und berühren. Sie gab ihrem Sohn die Schuld für die Vorkommnisse. Sie ekelte sich vor ihm. Dieser Liebesentzug war für Tom schlimmer als der Missbrauch selbst. Er musste mit ansehen, wie sein jüngerer Bruder die ganze Liebe und Zuneigung der Mutter bekam.

Aufgrund eines Hinweises wurde das Jugendamt auf die Familie aufmerksam. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Pflegefamilie kam er in eine Einrichtung, in der Experten Störungen von gewaltgeschädigten Kindern diagnostizieren. Ihnen fiel auf, dass Tom beim Zähneputzen nicht in den Spiegel schauen konnte. Er hatte Angst, verschwunden zu sein. Nachts litt er unter Alpträumen und glaubte zu ersticken. Innerhalb kürzester Zeit zerstörte er sein Zimmer und zerstach seine Arme. Jüngere Kinder wurden von ihm bedroht und erpresst.

Die Experten kamen zu dem Schluss, dass er nicht zurück in seine Familie sollte und in einem Heim besser aufgehoben wäre. Tom machte deutlich, dass er sich in einer Wohngruppe wohl fühlen könnte. Seiner Mutter kam diese Lösung sehr entgegen.

Aber es kam anders. Das Jugendamt befürwortete – auch aus Kostengründen – die „Rückführung in den mütterlichen Haushalt“. Eine Familienhilfe sowie eine psychotherapeutische Begleitung sollten diesen Prozess unterstützen. Beides hat es nie gegeben.

In der Schule fiel Tom auf: Er war untergewichtig und äußerte Selbstmordgedanken. Als er versuchte, sich aus einem Schulfenster zu stürzen, wurde er in einer Klinik untergebracht. Nach einiger Zeit kehrte er zu seiner Mutter zurück. Über ein Jahr wurde Tom von einem Schulsozialarbeiter intensiv betreut, doch er kam immer seltener in die Schule. Auch zuhause ließ er sich kaum noch blicken und wurde vom Jugendamt letztlich in einer Intensivgruppe untergebracht. Doch Tom legte die Einrichtung in „Schutt und Asche“ und wurde nach nur vier Monaten entlassen.

Seitdem lebt er auf der Straße.

Was wäre aus Tom geworden, wenn sich das Jugendamt nicht aus Kostengründen gegen die Empfehlung der Experten entschieden hätte?